...und das Festival der Spinner III

Hermann Staupe... > Archiv > ...und das Festival der Spinner III

Ein sicht­lich ver­stör­ter, des­ori­en­tier­ter Mann mit dun­kel umrahm­ter Bril­le schlich auf die Büh­ne, irr­te schein­bar ziel­los her­um, von rechts nach links und wie­der zurück, stol­per­te auf dem Weg zum Mikro­fon über ein Kabel und fiel bei­na­he hin. „Die­ser Weg scheint für ihn kein leich­ter zu sein“, amü­sier­te sich Hermann.

Der Mann nahm sei­ne Kap­pe ab, atme­te tief durch. Er rang um Wor­te, setz­te mehr­mals ver­geb­lich zum Spre­chen an, Trä­nen lie­fen über sein Gesicht.

Wenn ich es rich­tig ver­ste­he, wer­den in die­sem Moment in ver­schie­de­nen Län­dern der Erde Kin­der aus den Hän­den pädo­phi­ler Netz­wer­ke befreit“, schluchz­te er, „24 Jah­re habe ich dar­auf gewar­tet“. Wei­te­re Trä­nen der Freu­de und Erleich­te­rung ran­nen sei­ne Wan­gen hinunter.

Na, du, wovon sprichst du?“, frag­te sie halb­laut, sich und eigent­lich ihn.

Ein Mann, der sich ihr unbe­merkt genä­hert hat­te und dicht neben ihr stand, mach­te sie kun­dig. Er raun­te: „Letzt­end­lich geht es um Adre­no­chrom. Ist so ne Art Stoff­wech­sel­pro­dukt vom Adre­na­lin. Ver­leiht erwie­se­ner­ma­ßen ewi­ge Jugend. Das zap­fen die Säue den ent­führ­ten Kin­dern in ihren Fol­ter­kel­lern ab und trin­ken es. Machen die schon seit Jahr­zehn­ten so. Fast alle ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten – außer Ron­nie natür­lich – waren Kri­mi­nel­le und Kin­der­schän­der. Das konn­te jeder sehen, der kei­nen Schlei­er vor den Augen hat. Und Donald räumt da jetzt mäch­tig auf unter die­ser Schwei­ne­ban­de. Befreit eine Grup­pe von Kin­dern nach der ande­ren. Und steckt‘s dann wahr­schein­lich ihm“, und zeig­te auf das bebrill­te Wrack auf der Bühne.

Bevor sie reagie­ren konn­te, ver­schwand der Mann. Wie ein Geist.

Ein weiß-grü­ner Por­sche, das konn­te man in der auf­kom­men­den Dun­kel­heit gera­de noch so erken­nen, hielt neben der Büh­ne, der Fah­rer ließ den Motor mehr­mals laut auf­heu­len. Als er das Auto ver­ließ und die Büh­ne enter­te, eine Koch­müt­ze läs­sig in der rech­ten Hand, dreh­te das Publi­kum bei­na­he durch.  „Hun­ne, Hun­ne, Hun­ne“, skan­dier­te es.

Der Hun­ne stell­te sich neben den Schluch­zen­den, der sich bemüh­te, sei­ne Gefüh­le in den Griff zu bekom­men, und setz­te ihm sei­ne Koch­müt­ze auf. Dann leg­te er ohne Vor­re­de direkt los. „Erst ein­mal ist klar, dass die Bom­ben­dro­hun­gen gegen Gesund­heits­äm­ter nur der Anfang unse­res Wider­stan­des gegen die Mas­ken­pflicht sind. Wir wer­den die Mit­ar­bei­ter die­ser Behör­den vor ein Mili­tär­ge­richt stel­len, wenn wir nach unse­rem Blitz­krieg gesiegt haben“.

Wacht auf, wacht auf!“, assis­tier­te ihm das Publikum.

Und an die Faschis­ten von der links­ver­siff­ten Lügen­pres­se: Wir wer­den eure Namen fin­den, und dann gucken wir wei­ter, ihr Tas­ta­tur­gangs­ter. Und wenn ich Reichs­kanz­ler wäre, wür­de ich die Todes­stra­fe wie­der ein­füh­ren zum Bei­spiel für Typen wie die­ser Vol­ker Beck, indem man ihm die Eier zer­tre­te“.

Wacht auf, wacht auf!“, berausch­te sich die Masse.

Und ich blei­be dabei: Hit­ler war ein Segen für Deutsch­land im Ver­gleich zu Mer­kel, die­ser Kom­mu­nis­tin“.

Wacht auf, wacht auf!“ Die Meu­te geriet in Ekstase.

Her­mann und sie sahen sich an, unend­lich ange­ekelt. „Komm, wir gehen“, sag­te sie und dreh­te sich von der Büh­ne weg.

Einen Moment“, sag­te Her­mann, „Sieh do, der Rap­per“, und zeig­te auf die Büh­ne, auf die sich inzwi­schen  ein Mann im wei­ßen Unter­hemd mit gefühl­ten 1000 Tat­toos ein­ge­fun­den hatte.

Brü­der, ich bin hier, um euch zu unter­stüt­zen“, sag­te er und umarm­te Bril­le und Koch. „Lasst uns sin­gen“.

Yo man“, sag­te der Bebrill­te und nahm die Müt­ze ab, „das tun wir. Lasst uns sin­gen gegen den tie­fen Staat, die­se Geheim­re­gie­rung, die die Welt ver­sklavt. Lasst uns sin­gen gegen Barack Oba­ma, Hil­la­ry Clin­ton und Geor­ge Sor­os, die die­sen „Deep Sta­te“ zusam­men mit der glo­ba­len Ban­ken­eli­te anfüh­ren. Lasst uns sin­gen für die Wahr­heit, dass das Schul­mas­sa­ker in Port­land wie vie­le ande­re nicht real statt­ge­fun­den hat, son­dern eine von gekauf­ten Schau­spie­lern dar­ge­stell­te Far­ce gewe­sen ist, weil sie einen Vor­wand haben woll­ten, das Recht auf Waf­fen­be­sitz ein­zu­schrän­ken. Lasst uns sin­gen auf die Tat­sa­che, dass die Tita­nic 1912 im Auf­trag eines jüdi­schen Ban­kiers ver­senkt wor­den ist.

Ja, lasst uns dar­über sin­gen. Zunächst“, sag­te der Hun­ne und nick­te dem Tat­too zu.

Inzwi­schen war es fast ganz dun­kel gewor­den. Der Hun­ne hob den rech­ten Arm und auf der Büh­ne mate­ria­li­sier­te sich aus dem Nichts ein rie­si­ges Q, von roten Feu­er­flam­men umkränzt.

Es loder­te hell glü­hend auf, ohne zu bren­nen, ein rotes Fanal im Schwarz. Die drei da oben und vie­le da unten im Publi­kum zogen sich Kapu­zen über den Kopf, nur für die Augen waren noch Löcher frei. Wenn Her­mann oder sie – bei­de stock­starr –  noch zu Iro­nie fähig gewe­sen wären, hät­ten sie bemerkt, dass dies ers­te Moment war, in dem sich fast alle an die Mas­ken­pflicht hielten.

Eine bemer­kens­wer­te Inter­ak­ti­on zwi­schen Büh­ne und Publi­kum ent­stand, sie san­gen ihren Welt­hit als Qanon. Wenn der Rap­per und der Sän­ger „WWG1WGA“ into­nier­ten, ant­wor­te­te der Mob dumpf unter den Mas­ken mit „Whe­re we go one we go all“. Vie­le schwenk­ten ein klei­nes bren­nen­des Kreuz oder ein leuch­ten­des Q und wieg­ten sich im Rhyth­mus der Musik, eine ein­zi­ge amor­phe Mas­se, beseelt und geei­nigt von der Erleuch­tung durch das Wis­sen um die Welt. Wie ein Gro­ßer Hexen­meis­ter schwenk­te der Hun­ne eine bren­nen­de Fackel und mal­te damit das Q in den dunk­len Him­mel, zeich­ne­te sein unsicht­ba­res Reich. Ein Hoch­amt des Wahn­sinns, eine infer­na­li­sche Mes­se der Apo­ka­lyp­se, ein sata­ni­scher Höllenritt.

Her­mann und sie waren, was sel­ten vor­kam, bei­de sprach­los. Das war zuviel. Hand in Hand ver­lie­ßen sie das Gelän­de und gin­gen und gin­gen und gin­gen. Zeit­los, ziel­los, see­len­los, wil­len­los, ent­kernt. Mit Nebel in Hirn und Herz, nichts als schwar­ze Lee­re, ein gro­ßes Loch füh­lend. Getrie­ben von einer Art Unwirklichkeit. 

Irgend­wann irgend­wo räus­per­te sich Her­mann und stöhn­te mit beleg­ter Stim­me „Das war doch wohl nicht real, das da eben“.

Sie blieb ste­hen, schau­te ihn ein­dring­lich an und sag­te: „Doch. Es gibt die Welt, wie sie ist, und es gibt die Welt, wie du sie ger­ne hät­test. Wenn du die­sen Unter­schied nicht erken­nen kannst, bis du in Gefahr, wie die zu wer­den“.

Her­mann sag­te: „Ich erken­ne ihn, aber er ist so ver­dammt schwer zu akzep­tie­ren“.

Und unter all dem tem­po­rä­ren Nichts in ihm spür­te er den Beginn einer ein­zig­ar­ti­gen Wut. „Die wer­den es nie fin­den, aber ich“.


Davor kommt: Her­mann Stau­pe und das Fes­ti­val der Spin­ner II