...und das Ei im Geheimgang

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Her­mann Stau­pe hechel­te hinterher.

Her war in die­sem Fall das Ei.
Sei­ne (des Eis, nicht Her­manns) Kris­tal­le berg­ten.
Sein Kobalt­glas blau­te.
Sei­ne Dia­man­ten fun­kel­ten.
So flitz­te es durch den dis­kret aus­ge­leuch­te­ten Gang.

Her­mann immer hin­ter­her.
Sein Puls ras­te.
Sei­ne Bei­ne brann­ten.
Er ras­te und rann­te.
Der Schweiß rann.
Sein Atem stieß wei­se.
Sei­ne Sei­ten stachen.

Er keuch­te.
So hat­te er sich das nicht vor­ge­stellt.
So wür­de er es nie fin­den.
Wie soll­te er es über­haupt jemals fin­den, wenn ihm schon ein Ei weg­ren­nen konnte?

Wie konn­te es über­haupt zu die­ser absur­den Situa­ti­on gekom­men sein?

Nun, er hat­te in aller Ruhe zum hohen Tee in Löschers Hüt­ten­ho­tel in der dop­pel­ten halb­bun­des­län­di­schen Stadt geses­sen, an sei­nem Cham­pa­gner genippt und Sand­wi­ches mit unrohem Schin­ken, Gur­ken und geräu­cher­tem Lachs, Vanil­le-Scho­ko-Muf­fins und fran­zö­si­sches Fein­ge­bäck genos­sen. Und sich als einer der letz­ten Ver­tre­ter eines längst unter­ge­gan­ge­nen Rei­ches (räum­lich, finan­zi­ell, öko­no­misch, mili­tä­risch und, ja, zuge­ge­ben: auch intel­lek­tu­ell) gefühlt. Er hat­te sich dege­ne­riert, aber wohl gefühlt. Obwohl er ja eigent­lich aus Mies­nitz stammte.

Aus aktu­el­lem Anlass hat­te er sich amü­siert an bizar­re Vor­stel­lun­gen eini­ger Komi­ker erin­nert, die vor eini­ger Zeit talk of the town und dar­über in einem gro­ßen Teil von Euro­pa gewe­sen waren. Und einem hoch umstrit­te­nen Begriff aus einer poli­ti­schen Dun­kel­zeit ver­wehrt, sich in sei­nen Kopf einzunisten.

Dann hat­te er das Ei gese­hen, das aus einem Muse­um geflo­hen war und nun auf­for­dernd vor ihm stand.

Du kannst es fin­den“, raun­te ihm das Ei ins Ohr. „aber du musst schnell sein und mir fol­gen. Schnell und geheim. Ich bin noch nicht fer­tig und brau­che eine Ope­ra­ti­on, nach­dem mir damals eine klei­ne Revo­lu­ti­on und eine Abdan­kung dazwi­schen gekom­men sind. In die­sem Städt­chen stel­len vie­le Leu­te Schön­heit und ande­res wie­der her. Dawai!

Das noch nicht ganz fer­ti­ge Ei nahm die Bei­ne in die Hand und ras­te los. Her­mann bemüh­te sich, zu folgen.

An Tört­chen und Tee vor­bei.
Durch Türen und Gän­ge.
An Gebäck und Gepäck vor­bei.
An schwarz ver­mumm­ten Gestal­ten vor­bei.
An Lif­ten und Gelif­te­ten vor­bei.
Trep­pen run­ter.
Zum Schild „Schön­heits­ope­ra­tio­nen und Restau­ra­tio­nen“.
In den dis­kret aus­ge­leuch­te­ten Gang.
(sie­he oben. Schon ver­ges­sen?!)
In den Geheim­gang.
Unter dem Hotel.

Und Her­mann muss­te ren­nen.
Und dach­te dabei.
(Blö­de Komi­ker, komi­sches Ei…)
Da er als Mann des Mul­ti­tas­kings nur unzu­rei­chend mäch­tig war, ent­eil­te ihm das Ei.
Her­mann konn­te nur noch sehen, wie es quer durch den Gang auf eine Tür zuschoss, die sich gera­de am schlie­ßen war (rhei­ni­sche Ver­laufs­form!).
Es quetsch­te sich gera­de noch durch.
Die Tür war zu.

Und Her­mann stand davor.
Las die Auf­schrift „Schönheitsoperationen/restaurationen“.
Fühl­te sich kör­per­lich aus­ge­laugt, mora­lisch ange­schla­gen.
Vom Ei ent­ei­ert.
So konn­te er es nie fin­den.
Er dreh­te sich im Kreis.

Nor­ma­ler­wei­se haben wir’s hier nicht so mit Eiern”. Ein Mann war aus der Tür getre­ten. „Raten Sie mal, wo wir am häu­figs­ten schnip­peln oder fli­cken”.
An den Augen?“, frag­te Her­mann.
Der Mann grins­te und senk­te den Blick.
Die Brüs­te?”, frag­te Her­mann.
Der Mann grins­te und senk­te den Blick.
Nein!”, sag­te Her­mann ungläu­big, als er verstand.

Doch”, sag­te der Mann. „Da bezah­len vie­le fast ein klei­nes König­reich dafür.

Her­mann war ent­täuscht. Hier wür­de er es nie fin­den.
Dann ist das eine Sack­gas­se”, mur­mel­te er.
Der Mann blick­te grin­send den Gang ent­lang.
Ganz im Gegen­teil!”, sag­te er.