Hermann hatte lange mit sich gerungen, ob er sich das Festival der Spinner antun sollte oder ob völliges Ignorieren das bessere Mittel sei. Den Ausschlag hatte sie gegeben, als sie ihm erläuterte, dass er in absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht mehr „auf so engem Raum, in so kurzer Zeit eine solche Masse an total überdrehter Paranoia, dumpfen Wahnsinn, kruder Hirnverdreherei, schamloser Egozentrik und esoterischer Endzeitphantasie“ vorgeführt bekäme. Das kitzelte dann seine Neugier, auch wenn sich ihre Beschreibung im Nachhinein als starke Untertreibung und Euphemismus des Jahres herausstellen sollte.
„Es handelt sich um ein einseitiges Speed Dating für Einzeller. Jeder hat nur eine Minute Zeit für ein Treffen mit der Unbekannten, der Realität. Die lässt sich aber auf dieser Veranstaltung überhaupt nicht blicken“, informierte sie ihn weiter, als sie auf dem Gelände ankamen.
Ein mäßig bekannter oder eher mäßiger, unbekannter Moderator, der aussah wie der Freund von Barbie, jebste auf der Bühne herum und sagte den ersten Teilnehmer an.
Der, eher der professorale Typ, versuchte auf der Makroebene zu argumentieren, um dem Festival einen seriösen Anstrich zu verpassen und gab erst einmal eine historische Einordnung auf der Basis von Logik. „Die Geschichte gibt uns jetzt schon Recht, die verhältnismäßig geringe Zahl von Infizierten und Toten beweist, dass die drastischen Schritte der Regierung, diese Freiheitsberaubungen, völlig unnötig und unverhältnismäßig gewesen sind. Das alles war total überzogen, wie sich jetzt ja zeigt.“
„Na, klar“, amüsierte sich Hermann, „Wenn es regnet, spanne ich einen Schirm auf. Wenn ich dann nicht nass geworden bin, ist das der Beweis dafür, dass es überhaupt nicht geregnet hat. Was für eine dämliche Scheinlogik!“
Der nächste Speeder rannte mit einer schwarz-weiß-rote Flagge auf die Bühne und betonte, dass er ein reicher Bürger sei, nicht unbedingt finanziell gesehen, aber staatspolitisch. Dass er sich den Gesetzen und Verordnungen dieser Regierung, ob sie nun unverhältnismäßig seien oder nicht, nicht unterwerfe, schließlich sei diese durch nichts, aber auch gar nichts, wirklich legitimiert. „Ich erkenne das alles nicht an“, schrie er mit hoher, überkippender Stimme, „schließlich ist dies hier nicht einmal ein souveräner Staat!“
„Falsch spätestens seit der Wiedervereinigung“, zischte sie Hermann zu, „durch den 4+2‑Vertrag von 1990 zwischen der USA, der Sowjetunion, England und Frankreich sowie der DDR und der Bundesrepublik wurde Deutschland zum souveränen Staat“.
„Ich habe mehr Rechts als Du“, schrie die nächste, eine völlig entfesselte Furie mit Kurzhaarschnitt und drängte den unsouveränen Schwarz-Weiß-Roten vom äußersten Rand der Bühne weg, „das Ganze ist doch nur ein Vorwand, unter dem die Regierung das Volk völlig entrechten will und ganz unbemerkt durch die Hintertür eine Massenimmigration betreiben will, um das große deutsche Volk zu marginalisieren“.
Hermann flüchtete sich in Zynismus: „Zumindest auf diesem Festival ist das Deutsche Volk nicht marginalisiert“, sagte er und ließ seinen Blick über die Menschen mit Glatze, Stiernacken und Springerstiefeln schweifen, die doch eine beträchtliche Menge unter diesem eigentlich bunten Völkchen darstellte, dessen einziger gemeinsamer Nenner die Leidenschaft fürs Weben und Spinnen war.
„Das ist eine Diktatur zur Abschaffung der Bürgerrechte“, wütete die Frau weiter.
„Tolle Diktatur, die dir erlaubt, so einen Schwachsinn zu reden“, ärgerte sich Hermann.
Der nächste Speed Dater gab sich den Habitus des nüchternen Gelehrten, um das Festival aus der Skandal – Ecke heraus zu holen. „Wir sollten wissenschaftlich an die Sache herangehen“.
„Sehr dafür!“, riefen sie und Hermann gleichzeitig, übrigens als einzige.
Dadurch ermuntert, fuhr der Mann mit seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen fort: „Das Hauptproblem ist diese neue Technik, dieses 5G mit den Masten. Diese Strahlen ermöglicht nicht nur die Gedankenkontrolle durch die Regierung, die verursacht nicht nur Krebs, sondern auch das hier!“
„Was für eine „Wissenschaft“!“, sagte sie, „Es gibt nicht eine Studie, die darauf hinweist, dass 5G krebserzeugend sein könnte. Und bei den Strahlen handelt es sich um Mikrowellen, die gar keine Viren transportieren können. Wieso hat zum Beispiel der Iran so viele Infizierte, obwohl die keinen einzigen 5G –Mast haben?“
Hermann und sie schlenderten über das Gelände, sahen Querdenker mit T‑Shirts, auf denen die Zahl 711 zu sehen war („Ne vier davor, und es stinkt noch mehr“, grinste Hermann), Frauen mit langen Kleidern, die um ein Feuer herumtanzten und offensichtlich einen halluzinogen Pilz zu viel erwischt hatten, und Impfgegner mit dem Schild „Mein Körper gehört mir“.
„Dieses Festival besteht aus völlig unterschiedlichen Typen“, sagte sie. „Wir dürfen sie nicht alle in einen Topf schmeißen“.
„Entschuldigung!“, meinte Hermann, „das tun die doch selber“.
„Die hier sind teilweise skurril, aber nicht ansatzweise so gefährlich wie der nächste Typ“, sagte sie nach einem Blick in das Programm.
Es folgt: Hermann Staupe und das Festival der Spinner II