Als nächster hinkte ein Mann mit einem Trikot von Victoria Ave Berg Bels, Rückennummer 88, auf die Bühne. Er wusste zu berichten, dass es sich um eine tückische Verschwörung des internationalen Judentums handele. Halt so wie immer. Was man dagegen tun könne, sei klar. Sie flüsterte Hermann zu: „Dann haben die israelische Regierung und die Geheimdienste aber Mist gebaut. Über 50.000 Infizierte, und bei gerade mal neun Millionen Einwohner. Wir haben über 200.000 bei 80 Millionen. Die Israelis hat es also schwerer erwischt. Die Arbeitslosigkeit ist bei denen während des ersten Lockdowns von vier auf über 20% hochgeschnellt, bei uns liegt sie über sechs Prozent. Obwohl ich eigentlich keine Lust habe, gegen so einen faschistischen Scheiß mit Fakten zu argumentieren“.
Der letzte Satz bewegte Hermann. Normalerweise war er eher der Emotionale und sie die Faktenfrau. Irgendetwas passierte hier, auch mit Ihnen.
Bevor er diesen Gedanken weiterführen konnte, wurde bereits „Magic Mushroom“ angekündigt, eine ungefähr 70 Jahre alte Frau mit buntem Kleid, Ketten, Sandalen, Blumen im Haar und einer akustischen Gitarre, die schlicht von links auf die Bühne schlich.
„Sieht aus wie die ältere Schwester von Maite Kelly“, lästerte Hermann.
Nach einer gefühlten halben Ewigkeit, in der die offensichtlich zur Pilz- und Feuertanzgruppe gehörende Aktivistin verzweifelt versuchte, die sechs Saiten ihrer Gitarre in einen halbwegs erträglichen akustischen Zusammenhang zu bringen, stammelte sie etwas von einem Vorwand, um die staatliche Repression ausbauen zu können und fing an, ein eigenkomponiertes Lied zu singen.
Mit schwäbischen Dialekt trällerte sie vom Zusammenspiel der kapitalistischen Regierung und der Wirtschaft, von der Macht der Konzerne und von der zerstörerischen Kraft des globalen Kapitals. Sie schloss mit der Aufforderung: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ Und das mit Tönen, die Steine zu Scherben werden ließen.
„Keine Macht für Niemand. Ein kapitales Eigentor des Kapitals“, grinste Hermann, „bei den gewaltigen Schäden, die der erste Lockdown wirtschaftlich hervor gerufen hat“.
Ein großer Mann mit einem langen schwarzen Bart, in ein weißes Gewand gekleidet, eine gleichfarbige Takke auf dem Kopf, schwieg erst einmal eine Zeit, eher er dann mit einem Satz alles klar stellte. „Es handelt sich um nichts Geringeres als eine Strafe Gottes für die Ungläubigen“, sagte und schritt erhobenen Hauptes von der Bühne. Konsterniert ob diesen Blödsinns sprachen Hermann und sie über die strengen Hygienemaßnahmen in Mekka und Medina, dass die Hadsch kurz vor der Absage gestanden hatte und jetzt doch nur streng reglementiert mit drastisch gesunkenen Pilgerzahlen stattfinden würde.
„Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte des Königreiches, dass Pilger außerhalb Saudi – Arabiens nicht dran teilnehmen dürfen!“, sagte sie. „Also wahrscheinlich im Gegensatz zum gerade Gehörten eher doch eine jüdische Weltverschwörung, oder?“ Hermann versuchte, mit Ironie sein intellektuelles und emotionales Gleichgewicht zu behalten.
Der nächste Redner widersprach dem Vorredner. Das sei doch klerikaler Blödsinn, viel zu metaphysisch. Es gehe in Wahrheit um den unersättlichen Machthunger eines Mannes, der die Welt versklaven wolle, indem er allen einen winzigen Mikrochip unter die Haut pflanzen wolle: Bill Gates.
Sie seufzte laut, hatte ihre Emotionen aber jetzt kurzfristig wieder besser im Griff. „Dieses kriminell gefährliche Halb- oder besser Sechzehntel– wissen! Der zu entwickelnde Mikrochip soll die Zufuhr von medizinischen Wirkstoffen per Fernbedienung regeln; das könnte eine Riesenhilfe für viele Kranke sein. Und dann gibt es noch ein Projekt der Gates – Stiftung mit Tattoos. In unterentwickelten Ländern mit einem schwachen Gesundheitssystem sollten diese Tattoos auf der Haut als Impfpass dienen, sind aber nur durch Infrarotlicht zu erkennen, können also per weltweitem Tracking durch eine anonyme Weltregierung oder so gar nicht ausgelesen werden“
Einen scheinbaren Kontrapunkt setzte der Mann, der als nächstes die Bühne betrat. „Liebe Freunde und Freundinnen“, sagte er, „lass uns ruhig und besonnen sein. Keine Hysterie, keine Übertreibung“ und Hermann und sie glaubten schon, den ersten Vernünftigen vor sich zu haben. Dort dann fuhr er fort: „Es handelt sich um nicht mehr als eine stinknormale Grippe. Das ist doch alles nicht so gefährlich, wie überall behauptet wird, das wird doch alles maßlos übertrieben“
Hermann wurde jetzt richtig sauer. „Erzähl das mal den Leuten zum Beispiel in Bergamo – und dann sieh zu, wie du schnell und heil wieder rauskommst“, dachte er. Und dachte, dass es schlimmer nicht mehr kommen könne.
Doch er irrte. Das Irrste – oder: die Irrsten – sollte(n) noch kommen.
Davor kommt: Hermann Staupe und das Festival der Spinner I
Es folgt: Hermann Staupe und das Festival der Spinner III