Ein sichtlich verstörter, desorientierter Mann mit dunkel umrahmter Brille schlich auf die Bühne, irrte scheinbar ziellos herum, von rechts nach links und wieder zurück, stolperte auf dem Weg zum Mikrofon über ein Kabel und fiel beinahe hin. „Dieser Weg scheint für ihn kein leichter zu sein“, amüsierte sich Hermann.
Der Mann nahm seine Kappe ab, atmete tief durch. Er rang um Worte, setzte mehrmals vergeblich zum Sprechen an, Tränen liefen über sein Gesicht.
„Wenn ich es richtig verstehe, werden in diesem Moment in verschiedenen Ländern der Erde Kinder aus den Händen pädophiler Netzwerke befreit“, schluchzte er, „24 Jahre habe ich darauf gewartet“. Weitere Tränen der Freude und Erleichterung rannen seine Wangen hinunter.
„Na, du, wovon sprichst du?“, fragte sie halblaut, sich und eigentlich ihn.
Ein Mann, der sich ihr unbemerkt genähert hatte und dicht neben ihr stand, machte sie kundig. Er raunte: „Letztendlich geht es um Adrenochrom. Ist so ne Art Stoffwechselprodukt vom Adrenalin. Verleiht erwiesenermaßen ewige Jugend. Das zapfen die Säue den entführten Kindern in ihren Folterkellern ab und trinken es. Machen die schon seit Jahrzehnten so. Fast alle amerikanischen Präsidenten – außer Ronnie natürlich – waren Kriminelle und Kinderschänder. Das konnte jeder sehen, der keinen Schleier vor den Augen hat. Und Donald räumt da jetzt mächtig auf unter dieser Schweinebande. Befreit eine Gruppe von Kindern nach der anderen. Und steckt‘s dann wahrscheinlich ihm“, und zeigte auf das bebrillte Wrack auf der Bühne.
Bevor sie reagieren konnte, verschwand der Mann. Wie ein Geist.
Ein weiß-grüner Porsche, das konnte man in der aufkommenden Dunkelheit gerade noch so erkennen, hielt neben der Bühne, der Fahrer ließ den Motor mehrmals laut aufheulen. Als er das Auto verließ und die Bühne enterte, eine Kochmütze lässig in der rechten Hand, drehte das Publikum beinahe durch. „Hunne, Hunne, Hunne“, skandierte es.
Der Hunne stellte sich neben den Schluchzenden, der sich bemühte, seine Gefühle in den Griff zu bekommen, und setzte ihm seine Kochmütze auf. Dann legte er ohne Vorrede direkt los. „Erst einmal ist klar, dass die Bombendrohungen gegen Gesundheitsämter nur der Anfang unseres Widerstandes gegen die Maskenpflicht sind. Wir werden die Mitarbeiter dieser Behörden vor ein Militärgericht stellen, wenn wir nach unserem Blitzkrieg gesiegt haben“.
„Wacht auf, wacht auf!“, assistierte ihm das Publikum.
„Und an die Faschisten von der linksversifften Lügenpresse: Wir werden eure Namen finden, und dann gucken wir weiter, ihr Tastaturgangster. Und wenn ich Reichskanzler wäre, würde ich die Todesstrafe wieder einführen zum Beispiel für Typen wie dieser Volker Beck, indem man ihm die Eier zertrete“.
„Wacht auf, wacht auf!“, berauschte sich die Masse.
„Und ich bleibe dabei: Hitler war ein Segen für Deutschland im Vergleich zu Merkel, dieser Kommunistin“.
„Wacht auf, wacht auf!“ Die Meute geriet in Ekstase.
Hermann und sie sahen sich an, unendlich angeekelt. „Komm, wir gehen“, sagte sie und drehte sich von der Bühne weg.
„Einen Moment“, sagte Hermann, „Sieh do, der Rapper“, und zeigte auf die Bühne, auf die sich inzwischen ein Mann im weißen Unterhemd mit gefühlten 1000 Tattoos eingefunden hatte.
„Brüder, ich bin hier, um euch zu unterstützen“, sagte er und umarmte Brille und Koch. „Lasst uns singen“.
„Yo man“, sagte der Bebrillte und nahm die Mütze ab, „das tun wir. Lasst uns singen gegen den tiefen Staat, diese Geheimregierung, die die Welt versklavt. Lasst uns singen gegen Barack Obama, Hillary Clinton und George Soros, die diesen „Deep State“ zusammen mit der globalen Bankenelite anführen. Lasst uns singen für die Wahrheit, dass das Schulmassaker in Portland wie viele andere nicht real stattgefunden hat, sondern eine von gekauften Schauspielern dargestellte Farce gewesen ist, weil sie einen Vorwand haben wollten, das Recht auf Waffenbesitz einzuschränken. Lasst uns singen auf die Tatsache, dass die Titanic 1912 im Auftrag eines jüdischen Bankiers versenkt worden ist.“
„Ja, lasst uns darüber singen. Zunächst“, sagte der Hunne und nickte dem Tattoo zu.
Inzwischen war es fast ganz dunkel geworden. Der Hunne hob den rechten Arm und auf der Bühne materialisierte sich aus dem Nichts ein riesiges Q, von roten Feuerflammen umkränzt.
Es loderte hell glühend auf, ohne zu brennen, ein rotes Fanal im Schwarz. Die drei da oben und viele da unten im Publikum zogen sich Kapuzen über den Kopf, nur für die Augen waren noch Löcher frei. Wenn Hermann oder sie – beide stockstarr – noch zu Ironie fähig gewesen wären, hätten sie bemerkt, dass dies erste Moment war, in dem sich fast alle an die Maskenpflicht hielten.
Eine bemerkenswerte Interaktion zwischen Bühne und Publikum entstand, sie sangen ihren Welthit als Qanon. Wenn der Rapper und der Sänger „WWG1WGA“ intonierten, antwortete der Mob dumpf unter den Masken mit „Where we go one we go all“. Viele schwenkten ein kleines brennendes Kreuz oder ein leuchtendes Q und wiegten sich im Rhythmus der Musik, eine einzige amorphe Masse, beseelt und geeinigt von der Erleuchtung durch das Wissen um die Welt. Wie ein Großer Hexenmeister schwenkte der Hunne eine brennende Fackel und malte damit das Q in den dunklen Himmel, zeichnete sein unsichtbares Reich. Ein Hochamt des Wahnsinns, eine infernalische Messe der Apokalypse, ein satanischer Höllenritt.
Hermann und sie waren, was selten vorkam, beide sprachlos. Das war zuviel. Hand in Hand verließen sie das Gelände und gingen und gingen und gingen. Zeitlos, ziellos, seelenlos, willenlos, entkernt. Mit Nebel in Hirn und Herz, nichts als schwarze Leere, ein großes Loch fühlend. Getrieben von einer Art Unwirklichkeit.
Irgendwann irgendwo räusperte sich Hermann und stöhnte mit belegter Stimme „Das war doch wohl nicht real, das da eben“.
Sie blieb stehen, schaute ihn eindringlich an und sagte: „Doch. Es gibt die Welt, wie sie ist, und es gibt die Welt, wie du sie gerne hättest. Wenn du diesen Unterschied nicht erkennen kannst, bis du in Gefahr, wie die zu werden“.
Hermann sagte: „Ich erkenne ihn, aber er ist so verdammt schwer zu akzeptieren“.
Und unter all dem temporären Nichts in ihm spürte er den Beginn einer einzigartigen Wut. „Die werden es nie finden, aber ich“.
Davor kommt: Hermann Staupe und das Festival der Spinner II