Hermann Staupe schipperte auf seinem Gedankenfluss so vor sich hin. Grund- und also auch ziellos. Einfach so.
Tonspurenmäßig folgte er den Wellen von Eliza Doolittle. „…wenn Spaniens Blüten blüh’n“, trällerte er vor sich hin. Zwar war ihm nicht klar, wer sein Professor Higgins war, aber wichtiger war, dass er, Hermann Staupe, keinen riesigen, gewissermaßen magnumsizemäßigen Schnurrbart trug. Und kein Hawai – Hemd.
Ein bisschen wirr, die Flussschnellen! Wie kam er von König „Dessen Gitarre sanft weint“ auf den Vorgänger von Jesse Stone? Wie würde der Rheinländer sagen: „Vom Hölzchen auf’s Stöckchen“.
„Interessanter Spruch“, dachte Hermann, „wenn das Stöckchen jetzt…“ Schluss mit dem Unfug!
Er disziplinierte sich ein wenig und schlug sein gedankliches Notebook mit den Neuigkeiten des Tages auf.
Sah die Themen des Tages auf Seite 1: „Wohnungsnot überall“ und „Kein Atomstrom , keine Kohle – Deutschland setzt auf erneuerbare Energien“.
Las dann im Lokalteil: „Anwohner verhindern Neubaugebiet“ und „Bürgerinitiative klagt gegen Stromtrasse durch das Elfental“.
„Merkwürdig“, Hermann war im Begriff, einen neuen Gedanken zu fassen. „Das passt doch ni…“.
Schrumms! Krach! Ein zweirädriges schnelles Kanonenboot rammte ihn, brutal, hart, effektiv. Aus dem Nichts, plötzlich, überraschend, überfallartig. Das Ding hatte keinen Motor – natürlich nicht -, aber es war unfassbar schnell. Der Wind der veröffentlichten öffentlichen Meinung tobte es zur Überschallgeschwindigkeit, bretthart stand das Segel des scheinbar gesellschaftlichen Trends über Hermann individueller Nussschale.
Der war zunächst völlig verdutzt, dann sah er das KGB – Logo auf dem Segel und die Gesichter der Besatzung, rot vor Wut und grün vor Neid, die Augen schwarz voller Hochmut und Herablassung. Er sah sich um nach den beiden Ufern – rechts und links – und verstand.
„Ich wusste ja, dass Ihr schnell seid. Aber sooo schnell? Ich hatte den Gedanken ja noch gar nicht gefasst.“
„Aber du warst kurz davor. Ganz kurz davor“, sagte die Kapitänin. „Darum haben wir auf dem Boot schnell eine Bürgerinitiative dagegen gegründet. Wenn’s darum geht, sind wir an Schnelligkeit von nichts und niemandem zu übertreffen.“
Sie wies auf das Logo auf dem Segel. „Du weißt, wofür „KGB“ steht: „Keine Gedanken Bitte“.
Wir sind das Mutterschiff aller Bürgerinitiativen, sozusagen die Mutter*in aller BIs.“
„Und warum seid ihr dagegen, dass ich einen neuen Gedanken fasse?“, fragte Hermann.
„Alle guten Gedanken sind schon gedacht – von uns. Und damit bringen wir die Welt jetzt wieder ins Lot. Neue Gedanken können also nur schlecht sein. Es braucht keine neuen mehr. Sie können allenfalls schädlich sein. Außer sie kommen von uns“.
„Aha“, reagierte Hermann, “dann ist es im Prinzip also doch noch ok, neue Gedanken zu fassen“.
„Alle guten Gedanken sind schon gedacht – von uns. Und damit bringen wir die Welt jetzt wieder ins Lot. Neue Gedanken können also nur schlecht sein. Es braucht keine neuen mehr. Sie können allenfalls schädlich sein“, sagte KGB.
„Außer wenn sie von euch kommen“. Hermann versuchte es mit Ironie, vielleicht war ja doch noch was zu machen.
„Genau“. Hermanns Ironie hatte den Effekt, den Faktenfülle auf Gläubige, Logik auf Ideologen und Realität auf Phantasten hat, nämlich keinen, absolut gar keinen.
„Und was“, Hermann ließ nicht locker, „wenn ich jetzt mit ANDEREN Gedanken komme?“
„Noch schlimmer!“ Die Kapitänin rackete sich im weichen Sessel ihrer moralischen Überlegenheit, „Die guten neuen sind ja nicht neu, weil sie schon von uns gekommen sind. Oder sie sind gut, weil sie von uns kommen – das hatten wir schon. Die schlechten neuen sind halt schlecht, weil sie nicht von uns sind. ANDERE aber sind ja ganz was anders, passen da gar nicht rein, und das geht gar nicht.“
„Das“, sagte Hermann, „ist weder gut noch neu, und leider auch nicht anders. Es ist absolut doktrinär und doktrinär absolut. Irritationen im Weltbild sind im Eurem Bild von der Welt wohl nicht vorgesehen.“
„Oh doch. Widersprüche sind ein typischer Teil des profitorientierten, umweltzerstörerischen Systems, was wir bekämpfen.“, bornierte die Doktrinärin.
„Entschuldigung“, Hermann bemühte sich um Höflichkeit, „aber die Widersprüche kommen doch von euch, liegen in dem, was ihr global wollt und was ihr lokal bekämpft! Ihr seid gegen Wohnungsnot, aber auch gegen Neubaugebiete. Ihr bekämpft die Klimakrise inter- und national, aber auch jedes Windrad vor Ort. Das ist zumindest inkonsequent, oder auch scheinheilig.“
Die Kapitänin seufzte. Aber immerhin zahlte sich nun ihr extrem langjähriges Studium der Politolo‑, Soziolo- und anderen ‑gien aus. „Populismus ist einfach, Demokratie ist komplex“, dozierte sie, vom Schiffsoben herab und auf Hermann herunter.
„Das sagt gerade ihr? Und ist dir klar, dass du gerade einen klassisch liberalen Denker zitiert hast? Der gute Ralf würde sich im Grab umdrehen“, ließ Hermann den Dahren im Dorf.
„Du hat das Wesen der partizipativen Zivilgesellschaft nicht begriffen. Dein Gedankenschlecht ist populistisch, klimafeindlich und reaktionär. Zudem undemokratisch und unterkomplex. Das Wesen der Demokratie ist es, Komplexität auszuhalten. Das Verhältnis zwischen nationaler, europäischer oder weltweiter Strategie und der Bürgereinbindung vor Ort ist halt komplex. Offensichtlich zu komplex für neoliberale Populisten wie dich. So scheidest du aus dem relevanten gesellschaftlichen Diskurs aus“, die Hüterin der objektiv einzigen und einzig objektiven Wahrheit feuerte nun aus allen Rohren, die ihre Wissenschaft und Gesinnung hergaben.
„Nee, nee“, sagte Hermann: „für mich argumentiert und handelt ihr nach dem Sankt – Florians – Prinzip. Oder aber, grundlegend andere Möglichkeit: sollten die Windkraftgegner vor Ort etwa Leugner der Klimakrise sein? Oder gar Handlanger der heimischen Kohleindustrie, noch schlimmer: Agenten der internationalen Atomlobby?“
„Wie kannst du es wagen!?“, klang es aus einem, der Personifzierung wegen übermäßig aufgemotzten, Beiboot , „jetzt reicht es!“
„Oh nein“, sagte Hermann, schipperte ein paar Meter zurück, um dann mit Übersicht aktiv am Kriegsschiff der Aktivisten vorbei zu gleiten, „die Diskussion ist noch lange nicht vorbei. Wir müssen und wir werden sie weiter führen. Vielleicht können wir irgendwann mal rauskriegen, ob wir gemeinsam was gegen die immer hirn- und häufig haarlosen SeelenSchlachter vom anderen Ufer unternehmen können. Eins ist mir aber jetzt schon klar, wenn ihr so bleibt, wie ihr jetzt seid: So werdet ihr es auch nicht finden, nie! An keinem Tag der Woche!“
Und er trällerte wieder das Lied des Blumenmädchens. Dieses mal aber, auch textlich, ganz von vorn.