Ein Sonntag Morgen: Hermann Staupe schlendert auf dem kleinen, mit Schottersteinchen bewehrten Waldweg am Rande der großen Wiese. Rechts die Schafe hinter dem Zaun, ruhig und gelassen, ein bisschen träge. Das Blau des Himmels wird nur gelegentlich von zögerlichen weißen Schwaden getrübt, aber sie wissen, dass ihre Zeit bald kommen wird. Die Sonne brennt und sticht nicht mehr, sie lächelt auf ihn herab, kitzelt seine Nase, streichelt und küsst ihn sanft auf die Stirn. Auch Hermann lächelt. Seine 49rs Kappe hat er verkehrt herum aufgesetzt.
Links, fern auf der Wiese, leicht undeutlich durch die flirrenden Strahlen und den sachte wiegenden Wind: Ein Hund wird von der Leine gelassen und jagt los, bald darauf ein zweiter, hellerer. Freiheit, Energie, Kraft. Die pure Lust am Leben. Sie sind hinter sich selbst her, hinter dem anderen und hinter etwas, das sie nicht kennen. Und doch völlig ziellos. Doch was macht das? Hier ist tatsächlich mal der Weg das Ziel, die Bewegung der Sinn. Etwas voller Freude tun, um es zu tun.
Eine Frau – sie muss jung sein, das erkennt er an ihren Bewegungen – hält ein kleines Kind an beiden Händen. Sie tritt einen Schritt zurück und dreht sich, die Arme ganz ausgestreckt, erst langsam, dann immer schneller. Eine perfekte Choreographie zu den beiden Hunden und doch ganz anders. Es lebe die Fliehkraft! Das Kind liegt fast waagerecht in der Luft, sicher an den Armen der Frau und frei im Flugkreis. Kann man sein Jauchzen von so fern hören? Das Lachen der Frau? Ein anderes Kind, genau so klein, steht daneben. Es ahnt, dass auch seine Zeit bald kommen wird.
Hermann freut sich, ganz rein. Dieses Bild bewegt ihn, macht ihn glücklich. Macht, dass er mit sich im Reinen ist. Ein schöner Anblick, ein idealer Augenblick, der zu einem perfekten Moment führt. Was für ein Klischee: das Leben kann schön sein.
Später, er ist inzwischen auf einem asphaltierten größeren Weg (die Wiese hat er fast umrundet), sieht er sie kommen: zwei große, zottelige Hunde, eine schlanke Frau und ein Doppel – Kinderwagen, den sie schiebt. Sie füllen den schmalen Pfad, der die Wiese mit den Häusern und der Zivilisation verbindet, fast gänzlich aus. Mit ihren Körpern, mit ihrer deutlich spürbaren Lebensfreude.
Leider stimmt das Timing nicht: Hermann ist zu schnell gewesen oder zu früh. Auf jeden Fall begegnen sie sich nicht, er und die Fünf. Hermann ist schon ein paar Meter weiter, als die anderen den Asphaltweg erreichen – und dann in die andere Richtung gehen. Ihnen nachsehen kann er nicht, will er nicht.
„Arme junge Frau“, urplötzlich schubst ihn ein Gedanke leicht an, fällt, zunächst federleicht, wie ein leichter Schatten über ihn, „was macht sie wohl gleich, wenn sie mit allen zu Hause ist?“
Ein zweiter Gedanke taucht auf, ein dritter, sie mehren sich, kommen jetzt aus verschiedenen dunklen Ecken, die Schatten werden schwerer, „Zwei Hunde und zwei junge Kinder. Von morgens bis abends voll am rackern, immer für jemand anderes da sein. Keine Zeit für sich. Ist das der Preis für ihre Jugend? Wie verhärmt wird sie wohl in ein paar Jahren sein?“
„Und wieso“, seine Bahn wird immer abschüssiger und sein Tempo immer schneller, „wieso ist sie allein? Wieso ist Ihr Mann nicht dabei? Hat sie keinen? Oder ist er noch mal ins Büro, schnell ein paar Sachen nacharbeiten, die in der Woche liegen geblieben sind, die Flasche? Oder kickt er irgendwo in der Pampa und nuckelt anschließend mit seinen Kumpels eine Flasche Bier? Und dann noch eine, und noch eine, bis er sie vergisst, der Arsch!“
Das Schwarz wird immer dröhnender, immer wuchtiger, rauscht in seinen Ohren und verdunkelt seine Welt. „Das Beste ist jetzt eh vorbei. Was soll ihr der Tag jetzt noch bringen? Langeweile, Einsamkeit, Tod? Und das soll Leben sein? Verdammte Scheiße!“
Hermann pustet durch, registriert den leichten Film von Schweiß auf seiner Stirn und auf seinem Rücken. Und den schweren Blockbuster in seinem Kopf, seinem Herzen, seinem Solarplexus, seinem Magen, seinen Beinen.
Er wehrt sich, schüttelt sich, mehr innerlich als äußerlich, zwingt sich und alles in ihm zum Verlangsamen, zur Entschleunigung, bis hin zum Stillstand. Versucht, den mentalen Resetknopf zu drücken, alles auf Null zu stellen. Und sich selbst von außen zu sehen, und von außen in sich selbst hinein zu sehen. Und die vielen Selbst zu sehen.
„Verdammt, woher kommen Paul und sein Hammer so plötzlich her? Ich watzlazicke hier doch nicht bewusst und gewollt rum. Was ist das in mir? Oder wer? Was bringt mich dazu? Woher kommen diese negativen Gedanken? Wieso bin ich auf einmal so schlecht drauf?“
Atmen. Ganz tief und ganz nach innen. Langsam. Ruhig. Tief ausatmen. Er kennt diese Überfälle, die diese gnadenlose, unerbittliche Abwärtsspirale in Gang setzen. Von Zeit zu Zeit, urplötzlich, scheinbar ohne Anlass oder Auslöser, völlig aus dem Nichts. Sie setzen ihm zu, bedrängen und verstören ihn. Aber nie dauern sie lange. Gott oder wem auch immer sein Dank.
Auch jetzt setzt, wie immer, sein Seelenselbsterhaltungstrieb ein. „Alles Unsinn, es gibt gar keinen Grund für mich, schlecht drauf zu sein. Nein, ich freue mich, dass der ganze Stress mit nervenden, drängelnden und quengelnden Kleinkindern mich nichts angeht. Dass ich keine verfilzten Hunde bürsten muss. Eigentlich hab ich’s doch verdammt gut“.
Er lächelt, freut sich auf seinen kalten Drink gleich zu Hause, auf seine Couch und sein Buch, nachher vielleicht noch einen schönen Film. Oder ein bisschen Musik. Ganz genügsam, ganz bieder, ja, vielleicht sogar ganz langweilig. Für heute reicht‘s auf jeden Fall. Ihn durchfließt ein warmes Gefühl, er ist wieder auf der Sonnenseite. Er ist zufrieden, er lebt wieder.
„Komisch. Aber schön. Diese ganze Angelegenheit hat auch eine heitere Seite. Nehmen wir’s sportlich. Zum Schluss geht’s immer wieder nach oben.“
Er macht die Augen wieder auf, fällt wieder in Bewegung, fühlt sich locker und leicht. Alles ok, alles friedlich. Er ist ein beschwingter Sieger. Sein Teil seiner Welt gehört wieder ihm. Summt er sogar vor sich hin? Aber hinten, ganz hinten im Hinterkopf hört er die Stimme der Frau, leise, ganz leise nur: „So wirst du es nie finden“.