Doch, bei aller Bescheidenheit und Fähigkeit zur Selbstkritik: er sah gut aus, sehr gut. In aller Objektivität bestätigte ihm das sein Spiegelbild. Er hatte seinen besten Anzug aus dem Schrank hervorgeholt, den, den er das letzte Mal bei Helmuts Begräbnis getragen hatte. Gut, er hatte ein paar Kilo zugelegt seit damals, aber er war halt ein stattlicher Kerl, ein, wie ihm schon einige Frauen bewundernd gestanden hatten, gestandenes Mannsbild. Muskeln überall. Ungefähr so wie der frühere Arnie.
Den Schlips hatte er betont lässig und locker gebunden, das Einstecktuch als bewussten farblichen Kontrast gewählt. Beim Schmuck hatte er sich für eine dezente Variante nach dem Motto ‚weniger ist mehr‘ entschieden: seine unaufdringlichste Rolex links (wenn sie wirklich was drauf hatte, würde sie den wahren Wert schon erkennen) und ein paar relativ kleine Ringe rechts. Die winzigen ein, zwei schütteren Stellen in seinem Haupthaar hatte er geschickt mit seinen wallenden Locken überkämmt, seine ebenmäßigen, weißen Zähne strahlten mit seinen gleichfarbigen Lackschuhen um die Wette. Ein paar Spritzer männliches Eau de Toilette – fertig. So konnte es losgehen.
Sie war, das musste sie zugeben, doch ein wenig nervös. Da das letzte Blind Date nicht wie erwünscht gelaufen war, weil sie sich verspätet hatte (die paar Minuten, mein Gott, was hatte sich dieser verklemmte Spießer angestellt!), war sie nun als erste erschienen. Zu früh, viel zu früh. Immerhin gab ihr das die Chance, die flackernden Nervenenden mit ein paar Drinks abzuschmeicheln. Dabei gab es zur Nervosität nun wirklich keinen Anlass. Sie sah immer noch hammermäßig aus: schlank, drahtig, mit den absolut richtigen Proportionen. Alles war genau da, wo es hingehörte. Das eng anliegende T‑Shirt von der Foo-Fighters-Tour von vor einigen Jahren betonte ihre Brüste, die Jeans ihre langen Beine. Geschminkt hatte sie sich dezent, ein bisschen Mascara um die Augen, ein bisschen Gloss auf den Lippen. Dazu kleine Ohrringe (die aus dem letzten Urlaub in Torre, wo sie sich auch ihre tolle nahtlose Bräune geholt hatte).
Er betrat das Restaurant wie Jesse James einen Saloon: cool, lässig, aufrecht. In Sekundenbruchteilen checkte er die Location. Ein paar verlorene Trinker an der Theke, ansonsten nur Paare. Bis auf die Lady, die allein hinten rechts in der Nische saß. Ganz genau konnte er sie aus der Entfernung nicht erkennen, da er aus optischen Gründen auf seine Brille verzichtet hatte. Nun denn, das musste sie sein. Er setzte sein bestes Lächeln auf (seine Freunde nannten ihn in diesen Momenten gern BvB, den „Brad von Beckum“) und ging auf sie zu. Selbstbewusst und siegessicher, jeder Zentimeter ein Gewinnertyp.
Lieber Gott, bitte lass es nicht den da sein! Doch ihre Hoffnung schwand mit jedem Schritt, den dieser Albtraum auf ihren Tisch und damit auf sie zu stolperte. Genauso breit wie hoch, den fetten Körper in einen alten, fadenscheinigen, viel zu kleinen Anzug aus dem vorigen Jahrhundert gezwängt, so dass die Speckrollen gewissermaßen aus allen Nähten platzten. Seine Krawatte hing schräg und mehrfach verschlungen um seinen Hals und biss sich farblich auf fürchterliche Weise mit dem Einstecktuch. Wenn man jetzt noch Anzug und Hemd hinzunahm, war diese Figur eine einzige farbliche Explosion der Geschmacklosigkeit. Dazu passten die überdimensionale Roleximitation an der einen Hand (die Frage war nur: China oder Taiwan) und die Orgie von dicken Protzringen an der anderen. In dem völlig vergeblichen Versuch, seine Glatze zu verdecken, hatte er die wenigen verbliebenen, dünnen und schwarz gefärbten Strähnen quer über den Kopf frisiert. Seine gelben Raucherzähne machten ihn auch nicht attraktiver. Und verfickt, welcher Gonzo trug denn heute noch weiße Lackschuhe? Was hatte er mit den Augen? Und warum grinste er so grenzdebil?
Mit jedem Schritt wuchs seine Ernüchterung. Mit jedem Schritt sah sie ein paar Jahre älter aus. Und dünner. Um nicht zu sagen ausgemergelt. Die Alte war ja nur noch Haut und Knochen! Und winzig. In allem. Titten wie Mückenstiche, Beinchen so kurz wie die Liste der Meistertitel von Schalke null vier in den letzten 60 Jahren. Womit er wieder bei ihrem Alter war. Wieso konnte sich die Tussi nicht wenigstens altersgerecht präsentieren? Ein gammeliger Fetzen mit dem Namen einer absolut unbekannten Fernsehserie und kaputte Hosen mit Löchern, das Gesicht clownesk überschminkt mit schwarzen Kratern als Augen und knallroten Breitbandreifen als Lippen. Und Riesenchristbaumschmuck, der die Ohrläppchen mit seinem Gewicht nach unten zog. Und dann diese falsche Bräune! Sie würde jeden Prozess gegen ihr Sonnenstudio gewinnen. Oder benutzte sie eine billige, miese Bräunungscreme? Das würde die vielen hässlichen Flecken erklären.
„Verdammt, stinkt der nach billigem Aftershave”, dachte sie.
„Verdammt, ist die besoffen”, dachte er.