...und die Geschichte von Harry und Sally

Hermann Staupe... > Archiv > ...und die Geschichte von Harry und Sally

Doch, bei aller Beschei­den­heit und Fähig­keit zur Selbst­kri­tik: er sah gut aus, sehr gut. In aller Objek­ti­vi­tät bestä­tig­te ihm das sein Spie­gel­bild. Er hat­te sei­nen bes­ten Anzug aus dem Schrank her­vor­ge­holt, den, den er das letz­te Mal bei Hel­muts Begräb­nis getra­gen hat­te. Gut, er hat­te ein paar Kilo zuge­legt seit damals, aber er war halt ein statt­li­cher Kerl, ein, wie ihm schon eini­ge Frau­en bewun­dernd gestan­den hat­ten, gestan­de­nes Manns­bild. Mus­keln über­all. Unge­fähr so wie der frü­he­re Arnie.

Den Schlips hat­te er betont läs­sig und locker gebun­den, das Ein­steck­tuch als bewuss­ten farb­li­chen Kon­trast gewählt. Beim Schmuck hat­te er sich für eine dezen­te Vari­an­te nach dem Mot­to ‚weni­ger ist mehr‘ ent­schie­den: sei­ne unauf­dring­lichs­te Rolex links (wenn sie wirk­lich was drauf hat­te, wür­de sie den wah­ren Wert schon erken­nen) und ein paar rela­tiv klei­ne Rin­ge rechts. Die win­zi­gen ein, zwei schüt­te­ren Stel­len in sei­nem Haupt­haar hat­te er geschickt mit sei­nen wal­len­den Locken über­kämmt, sei­ne eben­mä­ßi­gen, wei­ßen Zäh­ne strahl­ten mit sei­nen gleich­far­bi­gen Lack­schu­hen um die Wet­te. Ein paar Sprit­zer männ­li­ches Eau de Toi­let­te – fer­tig. So konn­te es losgehen.

Sie war, das muss­te sie zuge­ben, doch ein wenig ner­vös. Da das letz­te Blind Date nicht wie erwünscht gelau­fen war, weil sie sich ver­spä­tet hat­te (die paar Minu­ten, mein Gott, was hat­te sich die­ser ver­klemm­te Spie­ßer ange­stellt!), war sie nun als ers­te erschie­nen. Zu früh, viel zu früh. Immer­hin gab ihr das die Chan­ce, die fla­ckern­den Ner­ven­enden mit ein paar Drinks abzu­schmei­cheln. Dabei gab es zur Ner­vo­si­tät nun wirk­lich kei­nen Anlass. Sie sah immer noch ham­mer­mä­ßig aus: schlank, drah­tig, mit den abso­lut rich­ti­gen Pro­por­tio­nen. Alles war genau da, wo es hin­ge­hör­te. Das eng anlie­gen­de T‑Shirt von der Foo-Figh­ters-Tour von vor eini­gen Jah­ren beton­te ihre Brüs­te, die Jeans ihre lan­gen Bei­ne. Geschminkt hat­te sie sich dezent, ein biss­chen Mas­ca­ra um die Augen, ein biss­chen Gloss auf den Lip­pen. Dazu klei­ne Ohr­rin­ge (die aus dem letz­ten Urlaub in Tor­re, wo sie sich auch ihre tol­le naht­lo­se Bräu­ne geholt hatte).

Er betrat das Restau­rant wie Jes­se James einen Saloon: cool, läs­sig, auf­recht. In Sekun­den­bruch­tei­len check­te er die Loca­ti­on. Ein paar ver­lo­re­ne Trin­ker an der The­ke, ansons­ten nur Paa­re. Bis auf die Lady, die allein hin­ten rechts in der Nische saß. Ganz genau konn­te er sie aus der Ent­fer­nung nicht erken­nen, da er aus opti­schen Grün­den auf sei­ne Bril­le ver­zich­tet hat­te. Nun denn, das muss­te sie sein. Er setz­te sein bes­tes Lächeln auf (sei­ne Freun­de nann­ten ihn in die­sen Momen­ten gern BvB, den „Brad von Beckum“) und ging auf sie zu. Selbst­be­wusst und sie­ges­si­cher, jeder Zen­ti­me­ter ein Gewinnertyp.

Lie­ber Gott, bit­te lass es nicht den da sein! Doch ihre Hoff­nung schwand mit jedem Schritt, den die­ser Alb­traum auf ihren Tisch und damit auf sie zu stol­per­te. Genau­so breit wie hoch, den fet­ten Kör­per in einen alten, faden­schei­ni­gen, viel zu klei­nen Anzug aus dem vori­gen Jahr­hun­dert gezwängt, so dass die Speck­rol­len gewis­ser­ma­ßen aus allen Näh­ten platz­ten. Sei­ne Kra­wat­te hing schräg und mehr­fach ver­schlun­gen um sei­nen Hals und biss sich farb­lich auf fürch­ter­li­che Wei­se mit dem Ein­steck­tuch. Wenn man jetzt noch Anzug und Hemd hin­zu­nahm, war die­se Figur eine ein­zi­ge farb­li­che Explo­si­on der Geschmack­lo­sig­keit. Dazu pass­ten die über­di­men­sio­na­le Role­xi­mi­ta­ti­on an der einen Hand (die Fra­ge war nur: Chi­na oder Tai­wan) und die Orgie von dicken Protz­rin­gen an der ande­ren. In dem völ­lig ver­geb­li­chen Ver­such, sei­ne Glat­ze zu ver­de­cken, hat­te er die weni­gen ver­blie­be­nen, dün­nen und schwarz gefärb­ten Sträh­nen quer über den Kopf fri­siert. Sei­ne gel­ben Rau­cher­zäh­ne mach­ten ihn auch nicht attrak­ti­ver. Und ver­fickt, wel­cher Gon­zo trug denn heu­te noch wei­ße Lack­schu­he? Was hat­te er mit den Augen? Und war­um grins­te er so grenzdebil?

Mit jedem Schritt wuchs sei­ne Ernüch­te­rung. Mit jedem Schritt sah sie ein paar Jah­re älter aus. Und dün­ner. Um nicht zu sagen aus­ge­mer­gelt. Die Alte war ja nur noch Haut und Kno­chen! Und win­zig. In allem. Tit­ten wie Mücken­sti­che, Bein­chen so kurz wie die Lis­te der Meis­ter­ti­tel von Schal­ke null vier in den letz­ten 60 Jah­ren. Womit er wie­der bei ihrem Alter war. Wie­so konn­te sich die Tus­si nicht wenigs­tens alters­ge­recht prä­sen­tie­ren? Ein gam­me­li­ger Fet­zen mit dem Namen einer abso­lut unbe­kann­ten Fern­seh­se­rie und kaput­te Hosen mit Löchern, das Gesicht clow­nesk über­schminkt mit schwar­zen Kra­tern als Augen und knall­ro­ten Breit­band­rei­fen als Lip­pen. Und Rie­sen­christ­baum­schmuck, der die Ohr­läpp­chen mit sei­nem Gewicht nach unten zog. Und dann die­se fal­sche Bräu­ne! Sie wür­de jeden Pro­zess gegen ihr Son­nen­stu­dio gewin­nen. Oder benutz­te sie eine bil­li­ge, mie­se Bräu­nungs­creme? Das wür­de die vie­len häss­li­chen Fle­cken erklären.

„Ver­dammt, stinkt der nach bil­li­gem After­shave”, dach­te sie.

„Ver­dammt, ist die besof­fen”, dach­te er.