Hermann Staupe fühlte sich wie ein kleines Würstchen. Im Grunde war er eine arme Sau. Er kam sich vor wie auf der Schlachtbank.
Da saß er nun vor Toni, dem Paten des Runden. Toni hatte ausführlich und wortreich über sein Schweigen in letzter Zeit doziert. „Dabei läuft alles über meinen Schreibtisch. Ich entscheide alles. Und weißt du, was das Gemeine ist? Kaum passiert ein Fehler, machen sie mich dafür verantwortlich. Mich! Dabei delegiere ich wie kein zweiter, den es sowieso nicht gibt.”
„Ich...”, hub Hermann an.
„Natürlich passiert es ab und zu – in den letzten Jahren immer seltener -, dass jemand anderer Meinung ist. Kann ja mal vorkommen. Ich habe größtes Verständnis für menschliche Schwächen. Dann hatte derjenige wahrscheinlich zu wenig Informationen. Also bekommt er von mir solange die richtigen Informationen, bis wir beide wieder meiner Meinung sind. Oder er liest die Zeitung und bildet sich meine Meinung ganz selbstständig. Ich bin ein großer Anhänger der Demokratie, wie du weißt. Allerdings kann ich solche Akte der Illoyalität nicht dauernd dulden, das ist auch klar.”
Toni der Pate blickte über seinen Schreibtisch und Hermann hinweg auf sein Revier. Sein Revier, aus dem er her kam, das ihn geprägt hatte, das seinen Spitznamen bestimmte. Das er auch seinerseits markiert hatte. „Kohlen – Toni” wurde er genannt, abgekürzt KT. Er hatte sein Geld mit Steine schachten gemacht. Jeden Tag wurden weltweit unzählige seiner Steine geschachtet.
„Dabei geht es immer ums Team. Die Zeit der großen Selbstdarsteller und Alleinherrscher ist vorbei. Das bleue ich jedem bei uns jeden Tag ein. Sie sollen als Team funktionieren. Nie wird es bei uns passieren, dass einer allein zu viel Macht hat. Dafür werde ich ganz persönlich sorgen!”
„Ich...”, versuchte es Hermann erneut.
„Dabei ist zuhören enorm wichtig. Ich rede mir manchmal den Mund fusselig, um den Leuten zu erklären, wie wichtig zuhören ist. Vor allem mir. Mit Monologen kommt man nicht weiter. Kann denn keiner mehr schweigen? Wie gerne würde ich mal jemanden in einer Runde begrüßen können mit „Rückt auf, der Schweiger kommt“?”
KT kam in Fahrt. „Keiner hat die Weisheit mit Löffeln gefressen, aber wenn einer überhaupt einen Löffel hat, dann ich. Schon immer standen große Leute für etwas. Nimm‘ doch nur mal Putin. Er ist Russland, da kannst du sagen, was du willst – jedenfalls hier. Kein Wunder, dass die Mannschaft mal den Kreml sehen will.
Und die allerstärksten Männer umgeben sich gerne mit anderen Starken. Ich brauche keine Jasager. Aber wer ist denn heutzutage wirklich stark? Ich hab’s doch mit so vielen versucht: mit dem Glücklichen – bis er massenhaft Pferde gestohlen und auf die Sheriff – Inseln verschifft hat. Mit dem Kleinen, bis er den weiblichen Teil von Rüsseldorf durch hatte. Und mit dem Heiden – bis der auf Biegen und Brechen versucht hat, mich und den ganzen Verein zum Schunkeln zu bringen.
Alle waren sie am Ende zu schwach.“
KTs Blick zeigte sich kurzfristig weltentrückt in die Ferne, die Vergangenheit; die alles bestimmende Traditionsfolklore schweifend. Im Geiste schlote, grub und zechte er vor sich hin. Seine Gedanken kreiselten.
Dann gab er sich das, was sich jeder gibt, der die Gabe dafür hat: einen Ruck.
„Natürlich, und da bin ich der erste, der den Finger in die Wunde legt, haben wir eine Scheiss – Saison gespielt. Und da waren alle Schuld dran. Die Mannschaft, das Management, der Trainer, die Fans. Aber zeigt auch nur einer einen Ansatz von Selbstkritik?“
Ruckzuck vom Ruck zum Leid: KT litt nun sichtlich. Unter der Unfähigkeit seiner Umgebung – zum Schweigen, zum Teamwork, zur Selbstkritik. Zur Loyalität. Und was da noch alles war. Und das war noch nicht alles.
„Und dann auf einmal hacken alle auf mir rum, weil sie ein paar lockere Sprüche von mir völlig falsch verstanden haben. Aber statt sich zu entschuldigen, prügelt die halbe Welt plötzlich auf mich ein. Aber die merke ich mir, die kommen auf meine schwarze Liste. Undankbares Pack! Sogar das bisschen öffentliche, spontane Unterstützung musste ich selbst organisieren, sonst wäre da gar nichts gekommen.
„Rassismus“! Was für eine Unterstellung! Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich alle Menschen gleich behandele. Total gleich! Egal, welche Hautfarbe, welches Geschlecht, welches Alter: ich nehme niemanden wirklich ernst. Niemand ist auf meiner Augenhöhe, niemand kann mir das Wasser reichen. Da mache ich keine Unterschiede.”
„Ich…“, Hermann gab nicht auf.
„Ich, ich, ich!“, selbst der sanfte, überaus dialogbereite KT, die personifizierte Geduld, verlor selbige nun, „Ich höre immer „ich“. Du bist genauso wie die anderen. Nur auf dich bezogen. Egozentrisch. Narzisstisch. Alles muss sich immer um dich drehen. Denk doch mal an die anderen, denk doch mal an den Verein! Und wer ist der Verein? Na?
Und übrigens: Steine schachten kannst DU nicht!“
Hermann gab auf. Beim Paten des Runden würde er es nie finden. Bei dem war schon das Suchen ein Zeichen von Schwäche.